Warsteiner, Vivaldi & Co

Alles eine Frage der Schrift

„Be bold, or italic, never regular.“ Aus dem Englischen übersetzt heißt das so viel wie: sei mutig, sei kursiv, niemals normal. So lautet einer der vielen Grafiker-Sprüche über Schriften. Im Arbeitsalltag einer Werbeagentur lässt sich solch ein Satz allerdings nicht immer umsetzen. „Manche Kunden lieben einfach das NORMALE und der Kunde ist nun mal der König“, so Nele Vesper aus dem Lemm Grafik-Team.

Warsteiner, Vivaldi & Co

Viele Schriften haben klingende Namen von Aldhabi, über Harrington bis Vivaldi. Jede einzelne Schrift sieht anders aus und hat ihre ganz eigenen Vorzüge und Eigenheiten. „Alle haben einen Sinn und einen speziellen Zweck, aber nicht jede Schrift ist unbedingt schön, zum Beispiel die Warsteiner“, bekennt Lemm-Grafiker Torsten Kittler. Die an die Schreibschrift angelehnte Schriftart Warsteiner hat die Brauerei übrigens eigens für sich entwickeln lassen. Schreib- und Handschriftarten sind allerdings für Lesetexte ungeeignet. Sie werden gerne als Überschriften, in festlich angehauchten Drucksachen wie Einladungen und Jubiläen oder als Designelement in Prospekten genutzt.

Seit Jahren auf Platz 1

Gut leserlich sollen Schriften im Printbereich sein. „Futura“ und „Helvetica“ zählen zu den Rennern der Werbebranche und das schon seit Jahren. Und das obwohl hunderte von Schriften in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt und designed worden sind. Insbesondere „Helvectica“ gilt als eine der Standart-Schriften. „Sie zeichnet sich durch eine Vielzahl an Schriftschnitten aus und ist dadurch für die meisten Printmedien, egal, ob es sich um Slogans für Autos oder Headlines für Möbel, geeignet“, sagt Nadine Schnitzler aus dem Lemm Grafik-Team.

Für längere Fließtexte empfehlen sich im Printbereich Schriftarten mit Serifen. „Das sind die Ausläufer am unteren Ende der Buchstaben, die quer zur Buchstaben-Grundrichtung laufen“, erklärt Lemm-Grafikerin Jenny Rau. „Texte sind dadurch sehr viel besser lesbar. Das liegt daran, dass Serifen eine Linie bilden, denen das Auge gut folgen kann. Beliebte Serifen-Schriften sind übrigens Times new roman oder auch Garamond.
Serifenlose Schriften dagegen wirken moderner und klarer. Im Internet kommen fast ausschließlich serifenlose Schriften zum Einsatz.

Optik ist alles

Dekorative Schriften, die sogenannten Schmuckschriften, eignen sich perfekt für Überschriften in Katalogen, Flyern oder Plakaten oder als kleine Eyecatcher in Anzeigen. Oftmals reicht es, nur ein Wort mit dieser Zierschrift zu verwenden, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Für fortlaufende Texte eignen sich die dekorativen Schriften dagegen nicht – das Lesen ist für das Auge viel zu anstrengend.

Entscheidend für eine gute Lesebarkeit von Texten ist der richtige Zeilenabstand. Ein zu geringer Zeilenabstand wirkt zu gequetscht, ein zu großer Zeilenabstand zu sehr auseinandergerissen. Hier verliert das Auge beim Lesen den Anschluss an die nächste Zeile. Ein guter Mix ist angebracht – übrigens auch zwischen Headlines und Fließtext bei knalligen Werbeanzeigen. Die perfekte Optik ist alles.

Die magische Faustregel

Als Faustregel unter Grafikern gilt: „Pro Werbemittel sollten nicht mehr als 3 Schriftarten und maximal 3 Schriftschnitte benutzt werden“, sagt Lemm Grafikerin Julia Gentges. „Sonst wirken Gestaltung und Texte zu unruhig.“ Mit Schriftschnitt ist die Größe und Breite der Buchstaben gemeint. Die perfekte Mischung spricht die Leser an und verlockt zum Durchlesen.

Die richtige Schriftgröße der Buchstaben ist ebenfalls ein wichtiger Faktor für gut gemachte Inhalte. Bei Fließtexten beträgt die ideale Schriftgröße zwischen 8 und 12 Punkt. Überschriften, insbesondere in Prospekten, variieren sehr stark und liegen zwischen 20 und 50 Punkt. „Es kommen aber auch 71 Punkt vor, je nach reißerischem Charakter der Anzeige“, berichtet Lemm Grafiker Dirk Heckmann. Seine größte Headline lag bei bisher 944 Punkt.

Die Tücken der Schrift

Waschechte Grafiker haben übrigens sogenannte Hass-Schriften, also Schriften, die sie NIE benutzen. „Die Schriftart Comic Sans zählt dazu, eine schlecht konstruierte Standardschrift“, erklärt Lemm Grafikerin Nele Vesper. Es gibt sogar T-Shirts mit dem Schriftzug „Graphic designer of the year“ in der Schriftart Comic Sans – „das ist mehr als blanke Ironie“, sagt die Grafikerin.